Galerie / Neues - news / Künstler - artists / Ausstellungen - exhibitions / Anfahrt - route / Kontakt - contact / Impressum / Datenschutz

Reinhardt Heinen



Kunstwerke
Vita

Reinhardt Heinen
 
Die kleinen und großen Aquarelle des Künstlers sind jenseits von Emil Noldes Expressivität angesiedelt. Sie verneigen sich vor der deutschen Romantik, aber sie folgen ihr nicht. Sie sind philosophische Statements eines Künstlers, der für sein Leben eine theologische, esoterische Struktur gesucht hat, die ihm erlaubt, Energiefelder anzuzapfen, mit denen er seit den letzten 10 Jahren kleine und sehr große Aquarelle realisieren kann. In ihnen zeigt er seine Erlebniswelten auf, seine Gedankenbilder, seine „inneren Visionen“ (Novalis). Damit begibt er sich auf einen Weg, der heute scheinbar veraltet scheint, sozusagen immer noch auf der Suche parallel zur Natur, wie es Cezanne genannt hat, oder um etwas sichtbar zu machen, das sonst nicht sichtbar ist (Paul Klee).
 
Doch Heinen ist weit davon entfernt. Nach fast purem Realismus, nach Bildern, die durch Formensuche in der Architektur sich selbst gestalten sollten, fand er zum Aquarell, das ihm große neue Freiheiten bot. Wahrscheinlich kann kaum ein anderer Künstler heute jene Feinheiten des Aquarells so artikulieren. Die lasierenden Überlagerungen, die präzisen, die unpräzisen Ränder, die Verlaufspuren, das sich Finden einer einzigen Farbe auf einem großen Blatt, das sich Einordnen einer Bildvorstellung in das Blattformat.
 
Die Bilder wachsen von außen nach innen hinein, ohne einen wirklichen Mittelpunkt zu haben. Das All Over von Jackson Pollock spielt ebenso eine Rolle, wie die Abneigung, der Versuchung zu unterliegen, alles bemalen zu müssen. Die Fehlstellen, die nicht bemalten Flecken, diese voids wie sie der Architekt Libeskind nennt, dominieren in vielen Blättern.
 
Die Aquarelle sind durchsichtig, durchscheinend, transparent. Sie führen in andere Welten, die jenseits des Gesehenen liegen, dessen Wahrhaftigkeit dennoch wirksam wird, um eine neue Wirklichkeit im Bild zu erfahren. Heinen überhöht nicht im Sinne von Idealismus, er verschönert nicht, aber er sieht durch sein „Temperament“ (Emil Zola).
 
Er verarbeitet die Welt als Künstler, indem er nicht Figurationen schafft, sondern Küstenlandschaften, Tore, Wüstenlandschaften neu sieht. Die Wüste ist aber nicht nur Wüste, sondern mit dem Titel untermauert „Die Wüste ist monotheistisch“. Dahinter steckt ein Suchender, ein Gottsucher, ein Künstler, der durch das Bild Erklärungen findet. Dieser Vorgang auf der Suche nach einer nicht ökonomischen, sondern geistigen Erklärung unserer Welt, ist mit den Strukturen der Kabbala verbunden. In der Tat, der Künstler meditiert oft kabbalistisch, schafft wie im Rausch und dennoch kontrolliert. Er arbeitet weder gegen das Papier, noch gegen die Farbe, geschweige denn gegen das Wasser, das er laufend benutzt. Nicht Niederringen, sondern Aufnehmen ist seine Formulierung. Dem Gesehenen folgen, die Medien nutzend, um einen immer größeren Reichtum an Formen und aquarellistischen Überlegungen zu realisieren.
 
Die Meisterschaft zeigt sich in den letzten Jahren. Wie von selbst, so als ob er es immer mehr aus seiner eigenen Vergangenheit heraus geahnt hätte, wird das Aquarell zum schwierigsten, weil nicht korrigierbaren Medium, das von trügerischer Schnelligkeit sein kann, der man nur dann mit Qualität begegnen kann, wenn man intuitiv und danach reflektierend, also aus der Erfahrung heraus richtig handelnd, diese bildnerische Technik nutzt. Die Resultate sind bezaubernd, nachdenklich, erfrischend, vorausschauend.
 
Heinen steht in einer großen Tradition, der der Aquarellmalerei in Europa. Diese Technik ist uralt, wurde meisterhaft von vielen älteren Meistern, besonders seit der Renaissance, also von Dürer bis heute, immer wieder genutzt. Dennoch versteht er es, seinen Werken einen völlig neuen Atem einzuhauchen. Das Kunstwollen von Heinen ist weder realistisch im Sinne von Mimesis und purem Abbild, ist aber auch um mit den Künstlern von heute zu sprechen nicht Farbfeldmalerei, nicht Katharina Grosse, nicht Ulrich Erben, sondern eine Erfahrungsmischung, die den Künstler dazu zwingt, Kunst als Kunst und selbstreferenziellen Partner ernst zu nehmen, um dennoch von Gesehenem auszugehen. Diese Erfahrungsmalerei des Künstlers konzediert eine große Freiheit, die der Künstler als Spielraum ausnutzt. Unterschiedlichste Bewegungsabläufe, bewegter, organischer, aber auch geometrischer Natur steigern sich gegenseitig, führen zu unverwechselbaren Handschriften in den verschiedensten Aquarellen.
 
Die Meisterschaft der Beherrschung dieses Mediums ist sofort evident. Zugleich entstehen dadurch große Geheimnisse, weil sich dieser Standard von Aquarellen weit über das absetzt, was wir bisher gesehen haben.
 
Heinen führt eine doppelte Diskussion. Die der Technik und die einer Wiedergabe von etwas Gesehenem, also eines neuartigen Realismus. Dieser esoterische Zugang zum Gesehenen, diese Überhöhung ist der kritische Umgang den der Künstler auf dem Balkon eines Hotels mit der Türkischen Adria führt, in der Sahara, durch Themen wie die Tore, in den mediterranen Landschaften mit den erkennbaren bizarren Bäumen und Farbigkeiten, die wir immer erahnt haben, die in Erinnerungen abgelagert sind, die wir aber nie hervorgerufen haben. Heinen evoziert sie in seinen Aquarellen. Dieser Dialog zwischen Können und Wollen führt zu eigenwilligen Ergebnissen, die trotzdem eine äußerste Objektivität hervorrufen. Diese Konsequenz des Bildes ist bildimmanent und selbstreferenziell. Heinen ist nicht ohne Kunstgeschichte denkbar. Er führt aber darüber hinaus und verweist auf Freiheitsbereiche, in denen er einzelne Weisheiten sammeln kann, die er dann zu Papier bringt. Doch Heinen schreibt nicht, er artikuliert in seinen Aquarellen keine Buchstaben. Aber er operiert mit all diesen Möglichkeiten in den Vorbereitungen seiner Aquarelle. Sie sind transzendente Äußerungen eines meditativen Charakters, der seine Expression als Unmittelbarkeit, meditativ strukturiert zu Papier bringt.
 
Prof. Dr. Dieter Ronte
Direktor Kunstmuseum Bonn
Bonn, August 2004