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Milan Knizak in St. Gereon (Ostern 2002)

1940 wurde Milan Knizak in Pilsen geboren. Sein Lebenslauf liest sich wie ein Abenteuerroman: Grundschule, Gymnasium in Marienbad, Pädagogische Universität in Prag (Rausschmiß), Kunstschule Prag (Rausschmiß), Kunstakademie in Prag (Rausschmiß), Mathematische Fakultät Prag (freiwillig ausgeschieden), Musikschule Prag, Gründung der ersten tschechischen Rockgruppe "Aktual", Happenings, Verhaftungen, Kunstaktionen, Auslandsreisen, Auslandsausstellungen in Deutschland, Belgien, Frankreich, Spanien, USA, Kanada, zwischendurch wieder Verhaftungen, weil er in seinen Aktionen und Bildern Staatsembleme "mißbraucht" hatte. Mit Beginn der demokratischen Ära wurde Knizak zum Rektor der Kunstakademie Prag gewählt, die ihn früher rausgeworfen hatte. Seit einigen Jahren ist er der Direktor der hochehrwürdigen Nationalgalerie Prag.

Knizak, der Chaot, der Denker, der Destrukteur und Konstrukteur hat keine Facette der künstlerischen Betätigungsmöglichkeiten ausgelassen: er entwarf utopische Mode, Möbel, Autos, Schmuck, machte Aktionen, malte Bilder, konzipierte Plastiken, schrieb Essays und Gedichte, komponierte Songs. All dies war und ist sein Lebensstil.

Seine Ausstellungen hatten signifikante Titel wie "Lauter ganze Hälften" oder "Kill yourself and fly", um sein Konzept der Dualität des Menschen zu verdeutlichen: die reale Alltagsexistenz auf der einen Seite und das "alter ego" der Gedanken, der Phantasie, der Vorstellungswelten und Fluchtpunkte auf der anderen.
Dazu sagt Knizak in einem Essay von 1980:
"Ich nehme an, daß es hier einen engen Zusammenhang gibt, einen engen kausalen Zusammenhang zwischen der Lebensweise des Künstlers und seinem Werk, denn Ehrgefühl und Verantwortung und überhaupt all diese Begriffe, die in der gegenwärtigen Welt so oft ihre Gültigkeit verlieren, müssen ihren ganzen Sinn gerade im Leben und Werk des Künstlers gewinnen, da es hier keinen Unterschiede zwischen dem Werk und dem Leben gibt, wenn wir von der erwähnten Ansicht über die Kunst ausgehen. Beides ist ein einziger Ausdruck und beides muß als unteilbar verstanden werden. Und das vor allem vom Künstler selbst. Daraus geht allerdings ganz selbstverständlich die Pflicht einer gewissen Selbstbildung hervor, damit meine ich nicht Schulen, Titel und ähnliches, sondern die Selbstbildung in der Sache des Lebens, die totale Demut vor all seinen Aspekten, Demut und Achtung auch vor den grundlegendsten, primitivsten Lebensäußerungen. Diese Demut bedeutet jedoch nicht Vergötterung, sondern deren Zuwachs an neuer Bedeutung dadurch, daß sie voll ausgeführt, durchlebt werden. So, daß das Ritual des Lebens faszinierend genug wird.
Die Kunst ist für mich etwas, was weder sichtbar, noch hörbar oder riechbar usw. ist. Die Kunst füllt unsichtbar die Lücke zwischen uns und unseren Träumen, die Lücke zwischen uns, dem nicht existierenden und dem wirklichen Gott, die Lücke zwischen uns und unserer Moral, die so sehr mit der Unendlichkeit verwandt ist.
Es ist liegt an uns, wieviel wir von dem, was wir ertasten, erahnen und erkämpfen, in unsere eigene Existenz zwängen."

Es ist die Gegenwart des Banalen in seinem bildnerischen Werk, die durch Destruktion(z.B. der Schallplatten) oder Farbe so eindrucksvoll verwandelt wird, daß sie sich zur Vieldeutigkeit der Phantasie, der gedanklichen Neuverknüpfung öffnet. Im Bild mit der Zentralfigur des schwarzen Quadrates ist dieses Quadrat selbst ein Schlüssel zur "anderen Welt". Knizak bezieht sich auf den Protagonisten der modernen Kunst in Osteuropa, Kasimir Malevitch. Am Anfang des 20. Jahrhunderts malte Malevitch auf einer weißen Leinwand ein schwarzes Quadrat, stellvertretend für das "Absolute" bis hin zum göttlich Absoluten. Es wurde die moderne Ikone: einerseits nur konkrete Farbe, andererseits der Verweis auf das nicht mehr Malbare, Transzendierte. Dieses schwarze Quadrat in Knizaks Bild verwandelt die banalen Gegenstände. Der Mantel wird zum "Gewand", um das die Soldaten Würfeln. Ihre Trinkbecher stehen noch da. Die bunte Farbigkeit hebt den Mantel aus der Bedeutung des simplen Kleidungsstückes auf die innerweltlich orientierte Ebene des schwarzen Quadrates. Ebenso funktioniert die Farbe im "Mahl"-Bild. Die vielen alltäglichen Gegenstände bekommen neue Bedeutungen, stehen jetzt stellvertretend für Situationen und Lebensmomente, deren Ausdeutung dem Betrachter überlassen bleibt. Z.B. ein Telefon mit daneben gelegtem Hörer: Zufall oder Absicht ? Ist die Kommunikation abgebrochen ? zu jemandem oder zwischen allen ? simpler Gegenstand oder Symbol ? Der Betrachter entscheidet es für sich. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Kreuz: die zerstörten Schallplatten (Knizak nennt sie "broken music") erinnern an abgestürzte Kommunikation, aber zwischen wem ? dem Kreuz und dem Betrachter ? Das obligatorische Gold des Kreuzes ist in einen fahlen Silberton getaucht. Vielleicht durch die gebrochene Musik ?
In seinen "Etwagedichten" von 1982 schreibt Knizak:

Die Generationen haben sich ausgetauscht.
Junge Pragmatiker werden in der romantischen
Faselei der Älteren bestätigt.

Jugend ist kein Vorzug, nur Zustand, alles
ist vergänglich, Alter ist die Jugend der
Ewigkeit.

Peter Bauer Nazarener beginnt jeden Morgen
seine sich wiederholende nagelartige Geschichte
3 Milliarden mal.

Alle werden wir gekreuzigt und alle kreuzigen wir.

(Neues Gleichnis von Christi sich peinlich mühend, sich zu kreuzigen.)

Kreuz als Symbol der Straßenkreuzung.

Scheideweg, welcher in die Ewigkeit einstürzen könnte.

 

Inge Baecker